Philosophische Praxis
Veranstaltungen und Projekte

 

 

Pandemisches
Bedenken

Pandemiebedingt verlagern wir die Philosophischen Treffen (der Arbeitsgemeinschaft für Religionsphilosophie Dresden) ins Virtuelle und laden Sie seit 2021 zum gemeinsamen Philosophieren via ZOOM ein.
In der Regel gibt es ein paar kurze Impulsvorträge, auf die jeweils Diskussionen und der gemeinsame Austausch sowie gegenfalls die Lektüre und Interpretationen der Referenztexte folgen.
Das Programm ist prinzipiell offen und Sie sind ganz herzlich zur Mitwirkung und Mitgestaltung eingeladen: Bringen Sie sich bitte gern mit eigenen Beiträgen (Gedanken, Fragen und Projekten, Terminen, Buch- und Veranstaltungstipps…) ein.
Zu den Impulsvorträgen werden wir i.d.R. Referenztexte sammeln und vorher mitteilen, ggf. auch in Auszügen als PDF zum Download oder Emailversand er- und bereitstellen.
Die Veranstaltung ist offen (wenn auch auf max. 100 TeilnehmerInnen begrenzt): Sehr gerne können Sie also auch weitere Interessenten einladen und virtuell mitbringen.
Anmelden können Sie sich bei mir per E-Mail unter: rene.kaufmann(at)text-dialog.de.
Wir freuen uns darauf, Sie (vorerst nur im virtuellen Raum) begrüßen zu können.

nächstes Treffen am 26. März 2021
(19:00 bis ca. 21:00 Uhr)

(mehr Informationen)

Programm

  • 19:00-19:05 Uhr: Begrüßung
  • 19:10-20:00 Uhr: Dr. Lasma Pirktina, "Topologie. Grundlegung des Denkens des Ereignisses" (Lesung und gemeinsame Diskussion)
  • 20:10-21:00 Uhr: Friedrich Hausen: Postmoderne und Neuer Realismus
  • 21:00-21:30ff Uhr: Ausblick und offener Ausklang

Teilnahme

Die Veranstaltung ist offen (wenn auch auf max. 100 TeilnehmerInnen begrenzt): Sehr gerne könnt Ihr also auch weitere Interessenten einladen und virtuell mitbringen.

Wir würden uns freuen, Sie unserer Runde begrüßen zu k&uoml;nnen.

Bitte senden Sie uns dazu eine kurze Anmeldung via E M A I L an rene.kaufmann(at)text-dialog.de.

Sie erhalten danach die Zugangsdaten und eventuelle Referenztexte und Materialien bereitsgestellt,

vorhergehende Termine und Themen

19.2.2021

Programm

  • René Kaufmann: Corona und Gesellschaft – Kulturkritische Perspektiven mit Korad Paul Liessmann („Die gekränkte Gesellschaft“) und „Byung-Chul Han („Palliativgesellschaft und der Imperativ des Überlebens“)
  • Sophia Kattelmann: Markus Gabriel, Warum es die Welt nicht gibt?

28.1.2021

Programm

  • Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Giorgio Agamben, Gaia und Chthonia. Die Erde der Lebenden und der Toten
  • Andreas Martin: Corona – nur ein Name?
  • Friedrich Hausen: Philosophie und Ästhetik der Teilhabe
  • Alexandra Grüttner-Wilke: Kurzgeschichte zum Thema fehlende Sterbebegleitung in Krankenhäusern im Rahmen von Corona

 

 

heimSuchungen

Dialog und Transformation in der deutschen Einheit

Oschatzer Dialog | Workshop | Kunst im Dialog

09.–11.10. 2020, Soziokulturelles Zentrum E-Werk Oschatz

„Sachsen im Dialog“ verfolgt das Ziel, einen wertschätzenden Gedanken- und Meinungsaustausch und eine differenzierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Streitthemen in Sachsen anzuregen.
Pluraler, wertschätzender gesellschaftlicher Dialog wird u.a. von populistischen Akteuren heimgesucht. Eine Veranstaltungsreihe im Soziokulturellen Zentrum E-Werk Oschatz widmet sich mit Blick auf die Transformationserfahrungen seit der friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung dem spannungsvollen Verhältnis von Heimat und Fremde (im Dialog und im Umbruch) sowie Ressentiment und Populismus.
Die Betrachtung gegenwärtiger Entwicklungen in der politischen Landschaft macht deutlich, dass sich viele Protestphänomene aus tieferliegenden Irritationen speisen: Ohnmächtig erduldete und weiter wirkende Heimsuchungen stellen die Basis eines Ressentiments und seiner populistischen Instrumentalisierung dar. Wer die Spaltungstendenzen in der Gegenwart verstehen will, muss sich daher mit dem Ressentiment als einer Basis für den Populismus befassen.

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 Wenn euch etwas heimsucht, dann in der Regel nichts Gutes, oder? Bei „heimSuchungen“ von Sachsen im Dialog griffen wir – 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung – Aspekte bisher unzureichender Aufarbeitungen der Ereignisse der Wendezeit und der deutschen Einheit auf, um Lösungen für darin gründende heutige gesellschaftliche Konflikte zu finden. Um gegenwärtige Spaltungstendenzen in unserer Gesellschaft zu verstehen, befassten wir uns mit historisch gewachsenen Ressentiments als einer Basis für den Populismus.
Aktuelle populistische Affinitäten in Ostdeutschland lassen sich zum Teil auf bestimmte Erfahrungen zurückführen, welche Menschen im Zuge der friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung machen mussten. Denn in einem bedeutsamen Maße wurden dabei nicht nur befreiende Aufbrüche, sondern auch Heimsuchungen erlebt und als Abbrüche, Kränkungen und Verluste ohnmächtig erduldet. Solche Schattenseiten der friedlichen Revolution schufen Ressentiments, die bis heute nachwirken und Entwicklungen in der politischen Landschaft beeinflussen, indem sie z.B. ganz wesentlich Proteste und Spaltungstendenzen speisen.
Viele Beteiligte erlebten die gesellschaftlichen Umbrüche und Transformationen der Wendezeit insofern auch als Infragestellungen ihrer Identität und als Verlust ihrer Heimat. Sie wurden so zu Heimat-Suchenden: Wie kann aber der, der selbst keine Heimat (mehr) hat und verzweifelt nach einer solchen sucht, wie kann ein so heimgesuchter Suchender ein guter Gastgeber für dem fremden Heimatsuchenden sein? Oder erfährt er die Konfrontation mit diesen gar als weitere Heimsuchung? Andererseits: Wann erfahren wir gewöhnlich Heimat? Sie umgibt und gibt sich uns ja in der Regel ganz selbstverständlich und unbemerkt. So werden wir ihrer eigentlich auch erst bewusst, wenn sie sich entzieht und uns entgleitet. Wird also eventuell nur im Widerfahrnis einer solchen Heimsuchung dem HeimGesuchten Heimat zum Präsent?
„heimSuchungen – Dialog und Transformation in der deutschen Einheit“, so der komplette Titel, wollte bewusst diesen Fragen nachgehen, sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und neue Impulse setzen.
Den Auftakt machte der Oschatzer Dialog am 9. Oktober 2020 im Soziokulturellen Zentrum E-Werk Oschatz: In der heimeligen Wohnzimmeratmosphäre des großen Saals im E-Werk wurden in mehreren Fishbowl-Gesprächen Transformationserfahrungen seit 1989/90 thematisiert – mit einem lokalen Fokus auf Oschatz und Sachsen, zu Ressentiment und Populismus sowie zu künstlerischen Interventionen. Die Gäste des Fishbowls führten sehr interessante und unterhaltsame Gespräche: Diese wurden teils leidenschaftlich, teils reflektiert, vor allem aber überaus geschickt vom Moderator Ricardo Glaser geführt und schlugen den Bogen von individuellen Erfahrungen mit der Wende- und Nachwendezeit bis hin zu grundsätzlichen Überlegungen zum Zusammenhang von Heimat und Fremde, Heimsuchungen und Heimfindungen, Verletzungen, Ressentiments und einer Empfänglichkeit für populistische Lösungen.
Talkgäste waren der Oschatzer Bildhauer Joachim Zehme und der Torgauer Politiker Michael Bagusat-Sehrt (Die Linke), die für einen positiven, lösungsorientierten Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen und Umbrüchen plädierten.
Die beiden Referenten des Workshops, der Erfurter Autor Dr. Robert Müller und der Journalist, Autor und Faktenchecker Jan Ludwig, berichteten von den Erfahrungen ihrer Eltern und Bekannten. Zugleich brachten ihre grundsätzlichen Ausführungen zum Zusammenhang von historischen Traumata, Ressentiments und Populismus eine besonnene Distanz zu den persönlichen Betroffenheiten.
In einer Schlussrunde stellte die in Nimtitz/Kabschütztal wohnende Künstlerin Bianca Seidel ihr Projekt einer künstlerischen Intervention unter dem Titel „O-Schatz, wo kommst du her?“ vor, welche sie am Sonntag vor Ort vollendete. Matthias Schumann, vor allem unseren zum Teil auch anwesenden Bürgerjournalistinnen bestens bekannt, informierte über das bürgerjournalistische Angebot der Veranstaltungen in Oschatz und lud zur Mitwirkung ein.
Zum Fishbowl fanden sich 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein – mehr waren aufgrund der Covid-19-Hygienebestimmungen nicht möglich. Uns erfreute vor allem das sehr breite Altersspektrum – von einem fast 80-jährigen Besucher bis hin zu Schülerinnen und Mitgliedern einer Theatergruppe, die ebenfalls ihre Perspektiven einbrachten. Die Leiterin dieser Gruppe meinte nach dem ereignisreichen Wochenende in der mittelsächsischen Stadt, dass dies für die Jugendlichen sehr inspirierende Tage waren, die auch viele Impulse für die gemeinsame Arbeit liefern konnten.
Tags darauf bot der von René Kaufmann moderierte Workshop „heimSuchungen“ im E-Werk den rund 10 Teilnehmenden Vorträge, gemeinsame Lektüren und intensiven Gedankenaustausch zu Heimat(verlusten) in der Wendezeit und deren Bedeutung für die Entstehung von Ressentiments und Populismus.
Das Workshop-Programm führte dabei von der Frage über das Verständnis von Heimat zur Betrachtung eigener Erfahrungen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung bis hin zur gemeinsamen Suche nach Prinzipien und Strategien für eine Überwindung von Ressentiments und darin gründendem Populismus.
Die Referenten vermittelten dabei ein differenziertes Verständnis der Grundlagen und Gefährdungen des gesellschaftlichen Dialogs und stellten populistische Phänomene näher vor: Dr. Robert Müllers Ausführungen zum Wesen und zu Mechanismen des Ressentiments, zu seinen Ursachen und möglichen Bewältigungsformen ergänzten auf behutsame wie analytisch-distanzierte Weise den Blick auf das teils erschütternde historische Geschehen. Jan Ludwig machte zum Schluss deutlich, inwiefern populistische Akteure versuchen, sich Ressentiments zunutze zu machen: Sein Blick in die Asservatenkammer des Populismus führte an verschiedenen Beispielen die Charakteristika populistischer Kommunikation vor Augen und stellte klar, warum es letztlich niemals einen „guten Populismus“ geben kann.
Die Teilnehmenden nutzten beide Veranstaltungen dazu, aktiv in den gemeinsamen Dialog einzutreten, diesen zu betrachten und kritisch zu reflektieren sowie sich, aufbauend auf den Workshopinhalten, über Ideen für eigene (Nach-) Wendegeschichten auszutauschen. Beide Tage waren so durch spannenden Themen, aufschlussreiche Unterhaltungen und v.a. durch einen packenden und befruchtenden, wertschätzenden Gedanken- und Meinungsaustausch bestimmt. Die kritischen Auseinandersetzungen gaben den Beteiligten das Rüstzeug für eine souveräne Teilnahme an aktuellen demokratischen Diskursen an die Hand. Zudem waren sie zur bürgerjournalistischen Auseinandersetzung mit den Themen und Ereignissen des Programms eingeladen.
Wir danken dem Projekt Café Hoffnung der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen: Dieses war an einem Tag mit seinem mobilen Kaffeestand vor Ort, um die Künstlerin Bianca Seidel zu begleiten. Dabei lud es die Oschatzer auf eine Kaffeespezialität und zum Dialog rund um das Thema Religion in Anbetracht von kultureller und religiöser Pluralität aber auch der fortschreitenden Säkularisierung und zum Gespräch über spannende Fragen wie den nachfolgenden ein: Welche Herausforderungen ergeben sich durch zunehmende religiöse Pluralität in der Gesellschaft? Wie kann man menschen- und demokratiefeindlichen Einstellungen und der Angst vor dem Fremden in der globalisierten Welt begegnen?
Ein großes Dankeschön geht ebenfalls an unsere Partnerinnen und Partner vom E-Werk und O-Schatz-Park, an Bianca Seidel, Ricardo Glaser, Robert Müller, Jan Ludwig sowie an alle Gäste.
„heimSuchungen“ war sicherlich kein leicht-beschwingter Veranstaltungskomplex, sehr wohl aber ein intensiver, bereichernder, nachhaltiger Austausch, der uns auch jetzt noch sehr bewegt.
Dass über die Themen so offen, so leidenschaftlich und so reflektiert gesprochen werden konnte, leistete einen notwendigen Beitrag zur Aufarbeitung des vergangenen und bis heute fortwirkenden Wendegeschehens und zur Entgiftung des angespannten, polarisierten, innerdeutschen Gesprächsklimas in der Gegenwart. Es half und hilft dabei, den zivilen Dialog erneut zu etablieren, zu reaktivieren und gegenüber ihn gefährdenden gesellschaftlichen Faktoren und Prozessen zu stärken.
René Kaufmann, Sven Wernicke

 

 

Politische Gefühle (1)
Ressentiment

Wir werden die Lektüre und den Austausch zu einem neuen Themenbereich, dem der „politischen Gefühle“, beginnen: Indem wir uns dabei dem Ressentiment zuwenden, gehen wir die angekündigte Erweiterung zu Themenfelder der Philosophischen Anthropologie und Phänomenologie an. Als zukünftige Themen sind angedacht: Höflichkeit, Scham(losigkeit), Dankbarkeit, Schmerz …

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Wir werden die Lektüre und den Austausch zu einem neuen Themenbereich, dem der „politischen Gefühle“, beginnen: Indem wir uns dabei dem Ressentiment zuwenden, gehen wir die angekündigte Erweiterung zu Themenfelder der Philosophischen Anthropologie und Phänomenologie an. Als zukünftige Themen sind angedacht: Höflichkeit, Scham(losigkeit), Dankbarkeit, Schmerz …

Konkret wollen wir die Treffen nutzen, um kurze Auszüge aus klassische Positionierungen der Begriffs- und Problemgeschichte des Ressentiments (wie Friedrich Nietzsche und Max Scheler) gemeinsam zu lesen und anhand ihrer Impulse dem Phänomen nach-zu-denken.
Dabei werden wir die Bezüge zu religionsphilosophischen Themen- und Fragestellungen (wie der Mystik) ebenfalls im Blick behalten. Die gefühlstheoretische Annäherung an Ressentiments stellt also auch eine Ergänzung der in den letzten Treffen thematisierten mystischen Beschäftigung mit den Ansprüchen des Ich dar: Ressentiments bilden gleichsam eine Unterklasse von stark ichbezogenen Einstellungen und Gefühlen, die in mystischen Praktiken überwunden oder gemildert werden sollen.
Und natürlich werden wir mit aller gebotenen Vorsicht wie Leidenschaft auch den Spuren des Phänomens in der Gegenwart folgen.
Die Veranstaltung ist offen: Sehr gerne könnt Ihr also auch weitere Interessenten einladen und mitbringen.
V.a. in Hinblick auf die Bereitstellung von ausreichend Sitzmöglichkeiten wären wir aber für Rückmeldungen vorab bzgl. eurer Teilnahme sehr dankbar.
Im Anhang und nachfolgend als Ausklang findet Ihr schon einmal ein paar „anstößige“ Gedanken:
Das Ressentiment eignet demjenigen, dem die eigene Identität sowie der Wert derselben zutiefst fragwürdig geworden ist und der aufgrund fortwährend scheiternder Selbstbehauptung an einem zutiefst beschädigten Selbstverhältnis leidet.
Es äußert sich im verzweifelten wie fehlgeleiteten Versuch, Ohnmacht in Macht und Selbstzweifel in Selbstgewissheit zu verkehren – auf Kosten des ‚Anderen‘, der aufgrund der eigenen Schwäche gar nicht mehr anders denn als Bedrohung wahrgenommen werden kann.
Die Feindbildkonstruktion ist daher die zentrale Funktion des Ressentiments, die Freund/Feind-Logik das zentrale Prinzip einer vom Ressentiment versehrten Gesellschaft.
Das Ressentiment ist eine Denk- und Gefühlsstruktur, die prädestiniert dafür scheint, von Populisten als Machttechnik instrumentalisiert zu werden. Darum ist die Auseinandersetzung mit diesem Phänomen und den ressentimentalen Grundlagen des Populismus – gerade in Anbetracht der teils dramatischen Erfolge des politischen Populismus – für die in die Defensive geratende Demokratie so eminent wichtig.

 

 

Das Tier – Sinnbild des Göttlichen"
(Skulpturensommer 2019)

23.-24. August 2019, Bastionen der Festung Sonnenstein Pirna
Symposium: Was veranlasst Menschen, Tierfiguren zu gestalten?

Schrecklich schön und erhaben ist es, das Tier, in seiner scheinbar ungebrochenen Präsenz und Gegenwärtigkeit, in seiner Unmittelbarkeit und Immanenz zur Umwelt...
Heilig, göttlich, diese wilde Unschuld der Tiere. Verschwenderisch, nutzlos, unschuldig und frei auch die Kunst, die sich schöpferisch mit diesem Sinnbild des Göttlichen und seiner Rückkehr auseinandersetzt…

René Kaufmann: Gedanken zur Begrüßung und Einführung

Das Tier, …
ein Sinnbild des Göttlichen,
von dem wir uns unterscheiden, gewiss,
doch nicht ohne einen mit Schauder und Sehnsucht durchsetzten Zweifel,
eine verlockende Finsternis,
die Tiefe ist,
ein Abgrund, den ich zugleich als den meinen erkenne,
ein schwarzer Stern, eine Nacht, die mich versucht, versenkt und blendet.

 

Auf dem Sonnenstein in Pirna geht der diesjährige Skulpturensommer auf Spurensuche und Fährtenlese – vermittels künstlerischer Auseinandersetzungen mit dem „Göttlichen Tier“, im Horizont einer Gegenwart, die sich nach Säkularisation und kämpferischen bis leidenschaftslosen Atheismus durch den Rückgang und die Verdrängung klassischer, traditioneller Religionspraktiken und Glaubensüberzeugungen (die ja auch immer performativ praktizierend realisiert, vergegenwärtigt und tradiert werden) auszeichnet.
Dieser Rückzug hinterlässt eine Leere, die inzwischen auch als Mangel empfunden und mit alternativen Praktiken und Überzeugungen gefüllt wird.

Könnte – vor diesem Hintergrund – der künstlerische Rückgriff auf das Sujet des Animalischen als Sinnbild des Göttlichen diese Rückkehr spiegeln, eine Rückkehr des Heiligen in der Natur, ein Wiedereintreten vormonotheistischer, naturreligiöser Verehrung des Animalischen: des Tiers als Träger und Erscheinungsort des Heiligen, des Göttlichen oder eines Gottes?
In religiösen Praktiken der Verehrung des Tieres wurde und wird die Erinnerung, Vergegenwärtigung eines numinosen Einbruchs kultiviert, d.h. realisiert und tradiert. Inwiefern partizipieren die künstlerische Arbeit und Rezeption an dieser kultischen Praxis?

Die animalische Präsenz, speist sie sich vom Heiligen? Ist sie begabt oder begabt sie? Ermöglicht sie Erfahrungen mit dem Numinosen?
Ist seine Gegenwart das faszinierend-schreckliche Geschenk einer in die profane Sphäre unserer alltäglichen Realitäten einbrechenden stärkeren, breiteren, tieferen Wirklichkeit?
Begegnet uns im „Tier“ also etwas, was über das Profane hinausgeht?
Gelangt mit ihm etwas zur Erscheinung, womit das Tier an einer Wirklichkeit teilhat, welche über die innerweltlichen, alltäglichen Grenzen hinausgreift?
Symbolisieren dies die „Tiere“? Sind sie Sinnbild(er) des Göttlichen, weil sich in der Begegnung mit ihnen (wieder) Theo- und Hierophanien ereignen?

Schrecklich schön und erhaben ist es, das Tier, in seiner scheinbar ungebrochenen Präsenz und Gegenwärtigkeit, in seiner Unmittelbarkeit und Immanenz zur Umwelt.
Ungemein faszinierend erscheint es uns Menschen, die wir uns selbst durch Leib-Körper-Differenzen, durch unsere Individualität und Rationalität, durch bewusstseinsgegebene Transzendenz und Selbstreflexivität doch stets in einer spannungsvollen exzentrischen Positionalität, Distanz und pluralen, unabgeschlossenen wie uneinheitlichen Identität erfahren, welche wir immer nur temporär, rauschhaft und unter pathologischen Gefährdungen verlassen können.

Wir unterscheiden uns vom Tier, gewiss, doch nicht ohne einen „mit Schauder und Sehnsucht durchsetzten Zweifel“ (George Bataille). Bei Anaximander von Milet, einem vorsokratischen griechischen Philosophen (ca. 610-545 v.Chr.) findet man dazu einen frühen Hinweis: den Gedanken hinsichtlich einer Abstammung des Menschen vom Tier. Dies wird bei Anaximander hauptsächlich von der Beobachtung getragen, dass der Mensch (anders als die meisten Tiere) während langer Zeit noch der mütterlichen Pflege bedarf. In einer Art allegorischen Genese wird daher der Mensch in seiner Herkunft auf das Animalische zurückgeführt. Anaximander vermutet zum Beispiel, „die Menschen hätten sich ursprünglich im Inneren von Fischen entwickelt und seien dort ernährt worden, genau wie Haifische, und erst nachdem sie herangereift waren, sich selbst zu helfen, seien sie (aus den Fischleibern) herausgekommen und hätten sich aufs Land begeben.“
Neben der Wahrnehmung des anthropologischen Aspektes einer „Mangelhaftigkeit“ in der natürlichen Ausstattung des Menschen (im Vergleich zum Tier), die – um dies zu kompensieren – eine längere Zeit der mütterlichen Pflege, des Lernens etc. bedarf, ist zugleich die Referenz auf das Animalische bedenkenswert, welche dieses frühe Zeugnis einer (Selbst-)Besinnung des Menschen bestimmt: Mangel und Vollkommenheit des Menschlichen, des Menschen als Menschen, scheinen insofern einer Referenz zum Animalischen bedürfen. Anaximander scheint damit also auch nahezulegen, dass der Mensch sich selbst zu einem gewissen Teil nur über solch eine Bezugnahme zum Tier verstehen kann. (Auch, dass er für sein Beispiel dabei auf den räuberischen Haifisch zurückgreift, ist sicherlich des Nachdenkens wert.)

Nochmals daher: Wir unterscheiden uns vom Tier, gewiss, doch nicht ohne einen „mit Schauder und Sehnsucht durchsetzten Zweifel“ (George Bataille). Die Animalität, dieses animalische Leben, dem wir einerseits entstammen und notwendig, konstitutiv verbunden bleiben (müssen), es ist uns andererseits fremd und verschlossen.
Es bleibt scheinbar sinnlos, weil ohne Zugang, ohne Antwort und Widerhall für unser Denken: eine animalische Finsternis, die aber nicht vollständig verschlossen und undurchdringlich ist, sondern vielmehr auch mit einer gewissen Vertrautheit, Bekanntheit und Zugehörigkeit einhergeht. Eine Intimität, welche uns anzieht und lockt, weil sie sich zugleich permanent entzieht. Eine verlockende Finsternis, die Tiefe ist, ein Abgrund, den ich zugleich als den meinen erkenne: Das göttliche Tier, mein schwarzer Stern, eine Nacht, die mich versucht, versenkt und blendet.

Wild, ungezähmt und unbezähmbar, brutal kann das Tier erscheinen und dabei ebenso ungeschützte Nähe zum nicht Aufhebbaren, nicht Vermittelbaren, zu Tod und Fortpflanzung präsentieren.
„Nackt“ und dennoch (scheinbar) ohne Scham, rein und unschuldig zeigt sich uns das Tier, ruft so Erinnerungen und Sehnsüchte wach, lässt uns auf Spurensuche ins Paradiesische gehen.
Welchen Spuren folgen wir dabei? – unseren eigenen, also der Fährte unserer ungestillten Wünsche, oder einer davon unabhängigen, unbedingten heiligen Präsenz?

Heilig, göttlich, diese wilde Unschuld der Tiere. Verschwenderisch, nutzlos, unschuldig und frei auch die Kunst, die sich schöpferisch mit diesem Sinnbild des Göttlichen und seiner Rückkehr auseinandersetzt…

Begeben Sie sich mit uns auf eine faszinierende künstlerische Fährtenlese auf dem Pirnaer Sonnenstein.
Sie sind herzlich eingeladen, im Rahmen des bevorstehenden Symposiums (23.-24.8.2019) zur Ausstellung, den Führungen der Kuratorin (Frau Stöbe) durch das zoologisch-sakrale Panoptikum zu folgen oder den religionsphilosophischen, kunstgeschichtlichen und künstlerischen Vorträgen von Frau Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Dr. Annette Seeler und Prof. Helmut Henze zu lauschen.
Die ausgestellten Plastiken und Skulpturen bieten für Groß und Klein beGeisternde Animierungen und gestatten zudem im menschlich-allzutierischen Streichelzoo auch haptische Vergnügen beim Begreifen und Ertasten der tierischen Sinnbilder des Göttlichen.

René Kaufmann
Dresden, 23.8.2019

 

 

Mystik

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Einerseits dürfte der eminent individualistische Charakter mystischer Erlebnisse und Zeugnisse (was Mystiker auch immer in eine spannungsvolle, ja gefährliche Beziehung zum institutionalisierten Glauben und zu ihrer Glaubensgemeinschaft brachte) recht gut in unsere vom Individualismus geprägte Zeit passen.
Andererseits bleibt frag-würdig(!), inwiefern Zeugnisse mystischer Erlebnisse aus Vergangenheit und Gegenwart auch in zeitgenössischen säkularen, (post-)modernen Diskurshorizonten platzierbar und hier ggf. auch als relevante Beiträge oder widerspenstige An-Stöße über- und vermittelbar wären.
Anhand kleiner ausgewählter Textpassagen wollen wir dazu, d.h. konkret über feurige wie erhellende Abstiege ins Nächtliche, Versenkungen und das Eintauchen ins Trockene, Leere und Stille, über ertragreiche Verluste und Verwundungen, kenntnisreiches Nichterkennen, über "Wüste", Schönheit und Unglück, Schweigen, Geduld, Askese und Erotik sowie den Tanz der Derwische u.v.a. miteinander ins nachdenkliche Gespräch kommen.

Interesse geweckt?

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